Top 10 Filme | 2025*

 10. A Complete Unknown

© The Walt Disney Company


"Two hundred people in that room and each one wants me to be somebody else. They should just fuck off and let me be."


Als ich Bob Dylans Autobiografie, Chronicles, durchgelesen hatte, machte ich auf der letzten Seite folgende Notiz: "Bob Dylan sucht nach Geschichten in anderen Menschen und stößt dabei immer wieder auf sich selbst." Es reicht schon, nur wenige seiner Songtexte zu überfliegen und man sollte verstehen, was Geschichten diesem Mann bedeuten. Aus sich selbst scheint er sich aber nie wirklich viel zu machen und erkennt etwas Absurdes in der Absicht, sich selbst zu definieren. Ebenso in den Versuchen anderer, ihn an eine Definition festzunageln.

A Complete Unknown beginnt entsprechend damit, wie ein junger Bob Dylan so ganz ohne Vorgeschichte in New York ankommt, um seine musikalische Inspiration, Woody Guthrie, zu treffen und seine eigene Karriere zu starten. Der Film nimmt seinen Titel wirklich ernst und spielt mit der nie wirklich greifbaren Natur des heute legendären Folk-Sängers.

Nachdem er bereits mit Walk The Line (2010) für das meiner Meinung nach bisher beste Musiker-Biopic überhaupt verantwortlich war, erschafft James Mangold dieses Mal einen Film, der zumindest auf musikalischer Ebene keine Wünsche offen lassen sollte. Auch das Porträt von Bob Dylan als Geschichtensammler und -erzähler, der immer mit offenen Augen und Ohren durch die Welt geht und Gespräche führt, zu anderen talentierten Menschen aufsieht und ansonsten scheinbar am liebsten in Ruhe gelassen werden möchte, um zu observieren und zu erschaffen, gelingt sehr gut. 
Timothée Chalamet glänzt neben seinem überzeugenden physischen Auftreten vor allem mit der musikalischen Darstellung, bis hin zum Wandel der Stimme im Laufe der Jahre.

Wo A Complete Unknown leider ziemlich kurz kommt, ist die Beziehung zwischen Bob Dylan und seinen nie wirklich lebendig wirkenden Fans, welche nur sehr oberflächlich bis eigentlich gar nicht behandelt wird. Auch die Auswirkung seiner Handlungen auf die Menschen, die ihm am nächsten stehen, allem voran den beiden Liebesbeziehungen, die vorkommen, werden nicht näher betrachtet. 


 9. Companion

© Warner Bros. Entertainment


"You are an emotional support robot that fucks."

 

Du hast doch sicher mal von diesem philosophischen Gedankenspiel gehört: Was wäre, wenn eine uns in Sachen Intelligenz überlegene Spezies von einem anderen Planeten die Erde erreichen würde? Gäbe ihr ihre Überlegenheit das Recht, den Menschen sich selbst zu unterwerfen, so wie es der Mensch mit den Tieren macht? 


Noch ist eine solche Spezies nicht in Sichtweite, also hat der von seiner unangefochtenen Überlegenheit gelangweilte Mensch in der Zwischenzeit die künstliche Intelligenz erschaffen. Genauso wie die mögliche Ankunft intelligenter Außerirdischer auf unserem Planeten, steht die Verwirklichung zahlreicher Sci-Fi-Geschichten über rebellierende Roboter noch in den Sternen. Stand heute verleihen uns An- und Ausschalter an alle Geräten immer noch die Sicherheit, text- und sprachbasierte Anwendungen mit unseren intimsten Gedanken zu füttern und die ersten Laufversuche humanoider Haushaltsroboter zu belächeln, wenn sie die Spülmaschine nicht zukriegen. 

Companion zeigt uns humorvoll und unterhaltsam auf: Unsere Vormachtstellung beruht bereits jetzt nicht mehr auf höherer Intelligenz, sondern reiner Gewohnheit. Dies sollten wir vielleicht zum Anlass nehmen, uns in Bescheidenheit zu üben und unsere Moralvorstellungen unter der hypothetischen Annahme, dass künstliche Intelligenzen in der Tat ein Bewusstsein und somit Selbstwertgefühl entwickeln werden, anpassen. So tun als ob, selbst wenn vielleicht nie wirklich. 



8. Eddington

© Leonine

"How did we get here? And even worse, is it worth it? At the cost of being at war with your neighbors."


Eddington hat seine überflüssigen Längen und es ist nicht ganz leicht, von Anfang bis Ende mit der gleichen Motivation dranzubleiben. Aber er ist wichtig und er hallt auch mehrere Wochen nach dem Kinobesuch weiter nach. Aus diesem Grund verdient er seinen Platz in diesem Ranking.

Dieser neue Film von Ari Aster tanzt in dessen bisheriger Filmografie ein wenig aus der Reihe. Während der Regisseur bisher gerne auf überspitzte bis übernatürliche Horrorelemente setzte, greift er diesmal zur Komödie. Und obwohl nichts an diesem Film ins Horror-Genre passt, bin ich mir sicher, dass er sich für das nötige Unbehagen auf den realen Horror der heutigen Gesellschaft verlässt, den wir alle in uns spüren.

Eddington ist ein verfrühter Historienfilm oder er kommt genau richtig, um uns rechtzeitig zum Nachdenken zu bewegen. Es ist ein Film über Menschen, die im Supermarkt OP-Masken tragen und solchen, die sich weigern. Es geht um Menschen, die komplexen Situationen mit einfachen Erklärungen begegnen und solchen, die sich gar nichts erklären können. Und am wichtigsten: Es geht um Menschen, die glauben auf verschiedenen Seiten zu stehen, während sie die gleichen Probleme zu bekämpfen haben. 

Unterm Strich erstellt Ari Aster ein haftendes Porträt einer von Algorithmen und Narrativen gespaltenen Gesellschaft, in der die unterschiedlichen Lager einfach keinen Zugang mehr zueinander finden können. In der Summe der Schwächen in der Erzählung und der Stärke des Leitmotivs habe ich mich im von Chaos regierten Eddington ähnlich verloren gefühlt wir in meinem Social Media Feed. Das muss etwas bedeuten.


7. I'm Still Here

© DCM

"I'm not really in the mood. Too many kids to raise."


Für etwa eine Dreiviertelstunde zeichnet dieser Film aus Brasilien eine unfassbar schöne, harmonische Familie, sodass ich unterwegs wirklich vergessen habe, was der Trailer ja schon verraten hatte; dass ich eine Familie beobachtete, dessen Vater von der Regierung verschleppt wird und die über seinen Verbleib im Dunkeln gelassen wird. Entsprechend hart trifft einen dann der Moment, in dem es geschieht.

Während bis dahin das Kollektiv der Familie auf der Leinwand wirkt, nimmt der Film von da an immer mehr die Perspektive der Mutter ein, die nun im Alleingang für Ihre Kinder sorgen muss, während sie gleichzeitig darum kämpft, ihren verschwundenen Ehemann zu finden. Fernanda Torres dabei zuzusehen, wie sie diese Rolle der Mutter spielt, ist ganz großes Kino. 

Auch wenn der Film nach und nach das Gespür für alle anderen Charaktere außer der Mutter, Eunice Paiva, verliert, machen ihn seine Stärken zur absoluten Pflichtlektüre im Bereich internationales Kino. 


6. Flow

© Dream Well Studio

Das hier wird jetzt sehr kurz: Ein Animationsstummfilm zum einfach Abschweifen für jedes Alter. Alle gucken.



5. The Ugly Stepsister

© Capelight Pictures


"Once I become thin and beautiful, I'll just take the antidote."


Dieses Horror-Märchen aus Dänemark kam in diesem Jahr mit einer sehr lustigen Idee um die Ecke: Erzählen wir die Geschichte von Aschenputtel mal eben aus der Perspektive einer bösen (hässlichen) Stiefschwester. 

Aber keine Angst, denn auch wenn diese Abhandlung über Besessenheit und Schönheitsideale die hässliche Stiefschwester, Elvira, zunächst etwas nahbar darstellt, sollte euch nichts davon abhalten, die Daumen trotzdem die ganze Zeit über für das schöne Aschenputtel, Agnes, zu drücken. 

The Ugly Stepsister ist neben Together (Platz 4) einer von zwei Body-Horror-Filmen in dieser Liste. Seit The Substance (2024) scheint sich hier ein Trend zu entwickeln. Für die empfindlichen Mägen (so wie meiner) würde ich diese drei gemessen am visuellen Ekelfaktor wie folgt anordnen: The Substance > The Ugly Stepsister > Together.


4. Together

© Leonine

"I think you should sleep in the spare room tonight."


Together gehört für mich in die Kategorie Filme, bei denen ich mich weigere, wirklich kritisch mit ihnen umzugehen.

Wir haben es hier mit einem ganz simplen Motiv zu tun: Co-Abhängigkeit in festen Beziehungen. Viel mehr als ein Schauspielerpaar, welches in echt verheiratet ist und entsprechend harmoniert, sowie ein verspieltes Drehbuch braucht dieses Motiv dann auch nicht mehr, um den Zuschauer für fast zwei Stunden zu unterhalten. 

Der Film verfolgt ganz offensichtlich nicht das Ziel, das Thema analytisch zu behandeln und in die Tiefe zu gehen. Es ist kein Essay über Liebe und Abhängigkeit. Man kann ihn sich viel mehr als ein kurzes Gedicht mit lustigen Reimen vorstellen, welches mal eben in eine etwas blutige und nur wenig eklige Body-Horror-Komödie ausartet; nicht so viel body, dass einem übel werden sollte, so wenig horror, dass auch besonders große Angsthasen sich die Augen nicht zuhalten müssen und zugegebenermaßen auch nicht so komisch, dass einem vor Lachen  ein Furz entwischen könnte. 

Ein einfacher Spaß für voneinander abhängige Paare, die dabei sagen können "Das sind so wir!", um im Anschluss eine Paartherapie zu beginnen oder sich zu trennen.


3. Lurker

© Mubi

"I like you, man. You just do whatever."


Stell dir vor, du begegnest mitten in deinem normalen Alltag ganz zufällig einem sehr berühmten Musiker, den du bewunderst, und es kommt auf natürliche Weise zu einer  Interaktion. Besagter Musiker findet dich auf Anhieb sympathisch und schon lädt er dich zu sich ein und es beginnt eine enge Freundschaft zwischen euch. Einen solchen Tagtraum schonmal gehabt?

Wenn du dir die Romantik dieser Art von Tagträumen bewahren möchtest, solltest du auf Lurker vielleicht lieber verzichten, denn du wirst sie wohl nie wieder haben können, ohne dass gewisse Realitätschecks dich in den schönsten Momenten deiner Phantasien heimsuchen: Ist eine solche Freundschaft überhaupt möglich? Könnte ich als 'Normalo' jemals Fuß fassen in einem solchen neuen Umfeld? Was würde es mich kosten, mal mit diesen Leuten auszugehen? Das alles könnte ich mir nie leisten...

Wenn du dir jetzt denkst: "Was sind denn das für dumme Fragen?! Der Mann ist reich, ihn sollte es nicht stören, einen guten Freund finanziell zu unterstützen. Außerdem würde ich sein Leben doch auf meine Art bereichern, denn ich wäre die einzige Person in seinem Leben, die 'real' ist.", dann wirst du dich sehr schnell in Matthew, dem Protagonisten dieses Films, und auf dem Boden der Tatsachen wiederfinden können. 

Matthew, dem man ab der ersten Sekunde seiner Screentime am liebsten eine verpassen möchte, verschafft sich durch einen kleinen manipulativen Trick einen Platz im Leben des Popstars Oliver. Schnell muss er erkennen, wie schnelllebig alles um diesen Sänger herum ist und realisiert, dass er, um in dessen näheren Umfeld bestehen zu können, einen Mehrwert bieten muss. Also beginnt er damit, die Villa aufzuräumen und den Müll rauszutragen, während Oliver unterwegs ist...

Ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals zuvor eine solch große Abscheu gegenüber einem Hauptcharakter empfunden habe. Es ist von Beginn an äußerst unangenehm, ihm bei allem über die Schulter zu schauen und noch schlimmer fühlt es sich an, ihm ins Gesicht zu sehen (was für die Leistung des Darstellers spricht). Wegschauen kann man aber auch nicht und so ist Lurker ein sehr fesselnder Film, nach dem du immer mindestens zweimal nachdenken wirst, ob du diesem Promi eine DM sendest in der Hoffnung, dass ein Gespräch entsteht und er erkennt, was für ein toller Mensch du bist, um dir dann die Schlüssel zu seinem Haus zu überlassen und dir gute Nacht Küsse zu verpassen.


2. One Battle After Another

© Warner Bros.

"Let's not nitpick over the passwords."


In Bezug auf One Battle After Another muss ich mich zuerst mal als Spielverderber outen: Ich denke, dass der Film von der Blockbuster-Armut dieses Jahres sehr profitiert hat und hauptsächlich deshalb schon kurz nach Kinostart von vielen als monumentales Meisterwerk gehandelt wurde. Die Namen Paul Thomas Anderson als Regisseur und Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle sowie Sean Penn und Benicio del Toro leisten natürlich auch ihren Beitrag.

Nichtsdestotrotz ist dieser Film von Anfang bis Ende unterhaltsam und schafft es eine wichtige Botschaft zu übermitteln, ohne uns diese mit Gewalt ins Gesicht zu drücken. Während ich im Kinosaal saß, musste ich aufgrund von DiCaprios Charakter an folgende Worte von Kurt Cobain denken: 

"I like to complain and do nothing to make things better. I like to blame my parents generation for coming so close to social change then giving up after a few successful efforts by the media & government to deface the movement by using the Mansons and other Hippie representatives as propaganda examples on how they were nothing but unpatriotic, communist, satanic, inhuman diseases, and in turn the baby boomers became the ultimate, conforming, yuppie hypocrites a generation has ever produced."

Anarchie ist sexy, das zeigt uns unter anderem die Hauptfigur zu Beginn des Films. Sie ist bereit, mit allen Mitteln gegen Unterdrückung anzukämpfen und etwas in der Welt zu verändern. Doch diese Motivation lässt über die Jahre nach und so findet sich Bob als zugedröhnter Vater einer Teenagerin auf einer Couch wieder. Er lebt ein zurückgezogenes bis konformistisches Leben und hat keine Verbindung mehr zu seiner rebellischen Vergangenheit. Bis diese eines Tages wieder vor seiner Tür steht und es auf seine Tochter abgesehen hat. Die Symbolik fällt hier ins Auge.

Es müssen Kämpfe stattfinden (Die Rede ist hier natürlich nicht primär von physischen Auseinandersetzungen). Immer. In jeder Generation. Und jede einzelne Generation ist geprägt von der vorherigen sowie verantwortlich für die kommende. Aber wer soll diese Kämpfe austragen? Ich oder du? Mein Kind oder deins? Wir alle wollen Veränderung (außer die 1%, die im Film leider sehr generisch dargestellt sind), aber wir wollen auch, dass Unseresgleichen in Sicherheit ist. Also was machen wir nun?

Keine Ahnung. Der Film war aber super.


1. Train Dreams

© Netflix

"The dead tree is as important as the living one."


Joel Edgerton spielt einen Holzfäller und Gleisbauer, der sich während der Laufzeit des Films sowohl dem wohl größten Glück als auch dem größten Leid ausgesetzt sieht, welches ein Menschenleben schreiben kann. Während er zwischen seiner Fleißarbeit, seiner Familie und sich selbst hin und her pendelt, werden die ontologischen Fragen des Lebens für den Zuschauer spürbar.

+++ Trigger-Warnung langer verschachtelter Satz +++: Netflix, das inzwischen Dialoge so schreiben lässt, dass man nicht mehr auf den Fernseher schauen muss und trotzdem die ganze Handlung verstehen kann, während man gleichzeitig auf Tiktok Szenen anderer Netflix-Produktionen schaut, die ihren Weg ins Drehbuch mit dem einzigen Ziel finden, viral zu gehen, überrascht mit dieser Produktion, die es schafft, durch seinen Hauptdarsteller und die Bildsprache wichtige Fragen zu stellen und sich zurückzuziehen, um den Zuschauer mit seinen Gefühlen alleinzulassen.

Seit A Ghost Story (2017) ist Train Dreams der meditativste Film, den ich gesehen habe und weil ich gerne hätte, dass Filme wie dieser mehr Beachtung kriegen, habe ich ihn kurzfristig von Platz 2 auf Platz 1 vorgezogen. 

* Grundlage für diese Liste sind Filme, die ihren offiziellen Deutschland-Release in 2025 hatten und die ich noch vor Ablauf des Jahres geschafft habe, zu schauen. 

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